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09.07.2025

Wie kann ein vertrauens­würdiger, föderaler Gesundheits­datenraum entstehen?

Was verspricht der Swiss Health Data Space (SwissHDS) für die Digitalisierung des Gesundheitswesens.

Swiss HDS Digitalisierung Gesundheitswesen

​Zwei zentrale Entwicklungen haben die Diskussion um die digitale Gesundheit in der Schweiz neu entfacht: 

Die Covid-19-Pandemie, welche das nicht-skalierbare Meldungswesen von übertragbaren Krankheiten (z.B. mithilfe von Faxgeräten) offenbarte. Während der Pandemie wurde die Bedeutung eines effizienten und automatisierten Datenaustausches im Gesundheitswesen offensichtlich. 

Die zweite Diskussion, welche die Digitalisierung des Gesundheitswesens in der Schweiz massgeblich prägte, war der enttäuschende Rollout mit tiefer Adoptionsrate des Elektronischen Patientendossiers (EPD). Das EPD offenbarte strukturelle Schwächen des Schweizer Gesundheitssystems.

Der Swiss Health Data Space (SwissHDS) möchte nun die Grundlage dafür legen, dass die Chancen der digitalen Transformation besser genutzt werden können. 

Auch die Leistungserbringenden ihrerseits sind gefordert, interne Prozesse zu optimieren und die Digitalisierung aktiv mitzugestalten. 

Eine Position von Lukas Bieri, Experte Gesundheitsbranche, ipt.

Was ist der Swiss HDS?

Der Swiss Health Data Space (SwissHDS) ist eine nationale Initiative zur Digitalisierung und Vernetzung des Schweizer Gesundheitswesens

Ziel ist es, einen vertrauenswürdigen, interoperablen Datenraum zu schaffen, in dem Gesundheitsdaten sicher, strukturiert und standardisiert genutzt werden können – sowohl für die klinische Versorgung (Primärnutzung) als auch für Forschung und Public Health (Sekundärnutzung).

In Anlehnung an den European Health Data Space verfolgt der SwissHDS einen föderalen, technologieoffenen Ansatz und setzt auf internationale Standards wie HL7 FHIR, um eine nachhaltige Dateninfrastruktur zu ermöglichen. 

Die Umsetzung erfolgt durch öffentliche und private Akteure in enger Zusammenarbeit mit Bund, Kantonen und Leistungserbringenden.

Vom PDF-Ablageplatz zur interoperablen Gesundheitsplattform

Das EPD weist heute eine geringe Adoptionsrate bei Patient:innen und Leistungserbringenden auf. Es ist nicht gelungen, proprietäre Schnittstellen von Systemen des Gesundheitswesens (z.B. Klinikinformationssysteme und Praxisinformationssysteme) in einer Art und Weise zu integrieren, damit das EPD seinen Nutzen entfachen kann. 

Damit konnte das EPD die Stärke einer zentralen und patientenzentrierten Datenablage bisher nicht ausspielen. Mit SwissHDS will man aus diesen Fehlern lernen und auf international kompatiblen Standards aufbauen. 

Die Daten aus den IT-Systemen der medizinischen Einrichtungen sollen in Form von Datenprodukten wiederverwendbar bereitgestellt werden können.

Gesellschaftliches Vertrauen als Schlüssel

Die Covid-Krise hat gezeigt, wie stark Bürger:innen auf digitale Lösungen angewiesen sind – aber auch, wie sensibel Gesundheitsdaten sind. 

Der SwissHDS muss Vertrauen schaffen – durch transparente Governance, Sicherheit und echte Nutzerorientierung. Der Aufbau eines föderalen, datenschutzkonformen Gesundheitsdatenraums braucht breite gesellschaftliche Legitimität.

Politisches Momentum nutzen – aber jetzt konkret werden

Die DigiSanté-Strategie und neue gesetzliche Grundlagen (z. B. E-Rezept im Heilmittelgesetz) zeigen, dass der Bund das Thema priorisiert

Doch Erfolg braucht auch dezentrale, lokale Initiativen – ein echter «Swiss Data Mesh». Die öffentliche Infrastruktur (z. B. E-ID) kann als Rückgrat dienen.

Wie kann ein vertrauenswürdiger, föderaler Gesundheitsdatenraum entstehen?

Damit die Bevölkerung einem Gesundheitsdatenraum vertraut, muss dieser für Patient:innen einen klaren Mehrwert bieten – sei es durch höhere Versorgungsqualität oder durch Kosteneffizienz.

Zudem ist ein hohes Vertrauen in die digitale Infrastruktur unerlässlich. Nur wenn die Daten sicher vor Cyberangriffen geschützt sind, wird eine breite Akzeptanz möglich. Voraussetzung dafür sind ein offenes, transparentes Design, minimale Angriffsflächen, das Prinzip der geringstmöglichen Rechtevergabe, umfassende Rückverfolgbarkeit sowie die Einhaltung etablierter Sicherheitsstandards.

Gesundheitsdaten enthalten hochsensible Informationen. Die Bevölkerung erwartet hier eine Null-Toleranz gegenüber Sicherheitslücken, wie etwa die mediale Reaktion auf die Schwachstellen von meineimpfungen.ch deutlich gezeigt hat.

Langfristig kann sich ein Gesundheitsdatenraum jedoch nur dann etablieren, wenn auch ein nachhaltiger Business Case vorliegt – sprich: Die Finanzierung muss dauerhaft gesichert sein. 

Die Leistungserbringenden müssen die eigenen Anreize sehen, durch Interoperabilität und der einhergehenden Optimierung ihrer Prozesse, Investitionen in die Digitalisierung zu tätigen, die zur Qualitätssteigerung und Minimierung administrativer Aufwände führen.

Welche Rolle spielt die technische Infrastruktur für den gesellschaftlichen Erfolg digitaler Gesundheitslösungen?

Um bestimmte Digitalisierungsvorhaben überhaupt umsetzen zu können, sind grundlegende Basisdienste erforderlich

Ein oft zitiertes Beispiel ist die E-ID: Sie ermöglicht es, Onboarding-Prozesse zu verkürzen und gleichzeitig zu vereinfachen.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn Gesundheitsdaten interoperabel geteilt und verarbeitet werden können. Voraussetzung dafür ist eine stabile, sichere und skalierbare technische Infrastruktur, auf der weitere Systeme aufbauen und der sie vertrauen können.

Beispielsweise muss der Zugriff auf zentrale Anwendungen wie das elektronische Patientendossier (EPD), das E-Rezept oder den E-Medikationsplan jederzeit gewährleistet sein – denn auf ihnen basieren kritische medizinische Prozesse.

Mein Fazit

Der Swiss Health Data Space ist keine rein technische Vision. Er ist ein Versprechen auf mehr Effizienz, bessere Versorgung und eine forschungsstarke Schweiz. Jetzt ist es an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen – politisch, gesellschaftlich und technologisch.

Disclaimer

Die ipt erbringt IT-Dienstleistungen für das Bundesamt für Gesundheit (BAG), ist jedoch zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels nicht direkt am DigiSanté Projekt SwissHDS beteiligt.

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Über mich

Ich bin Principal Architect bei ipt und engagiere mich stark für die Digitalisierung des Schweizer Gesundheitswesens.

Lukas Bieri Casual