Die Antworten liefern ein Stimmungsbild der Schweizer Tech-Community. Sie zeigen eine klare Diskrepanz zwischen dem konzeptionellen Wunsch nach technologischer Unabhängigkeit und den realen Anforderungen der IT-Abteilungen. Entlang von drei zentralen Themenfeldern ordnen wir diese Aussagen ein und spiegeln sie an der Architekturperspektive aus dem ipt Kompendium zur digitalen Souveränität.
1. Definition von Souveränität: Zwischen Autonomie und gelebter Praxis
Die Umfrageteilnehmenden definieren digitale Souveränität primär über den Erhalt der eigenen Handlungsfähigkeit und die Kontrolle über Daten. Bezeichnend sind Antworten wie:
Selbstbestimmt, das beste für den richtigen Zweck auszuwählen und jederzeit zu wechseln wenn man möchte.
Die Hoheit über meine Daten und meine IT Lösung zu behalten sowie die volle Transparenz über die eingesetzten Lösungen. OpenSource is a must.
Gleichzeitig ist der Community bewusst, dass vollständige Unabhängigkeit im modernen IT-Umfeld kaum realisierbar ist. Ein Teilnehmer fasst diesen Pragmatismus treffend zusammen:
Ein wenig Illusion? Ein grösseres Unternehmen kommt heutzutage fast nicht an AI & Cloud und den dominierenden Office-Suiten vorbei.
Die ipt Perspektive: Diese Einschätzung deckt sich exakt mit unserer Beobachtung. Wie im ipt Kompendium dargelegt, ist digitale Souveränität kein binärer Zustand und bedeutet weder «Cloud-Bashing» noch die Rückkehr zu On-Premises-Infrastrukturen. Vielmehr geht es um ein aktives, steuerbares Risikomanagement. Organisationen müssen bewusst definieren, unter welchen Bedingungen Abhängigkeiten (z.B. zu Hyperscalern) akzeptabel sind und wie sie die Entscheidungshoheit – insbesondere über geschäftskritische Daten – wahren können.
2. Historische Abhängigkeiten als zentrale Herausforderung
Auf die Frage «Die grösste technische Abhängigkeit bei mir im Unternehmen ist:» wurden interessanterweise selten moderne Cloud-native Services genannt. Stattdessen dominierten etablierte Basis- und Standardtechnologien die Antworten – von weit verbreiteten Enterprise-Lösungen über bekannte CRM-Systeme bis hin zu grundlegenden Infrastrukturkomponenten:
Die von uns eingesetzte Server Virtualisierungsplattform.
Sich der Abhängigkeit bewusst zu sein und einen Notfallplan zu haben, ist wichtig.
Dies zeigt: Technologische Abhängigkeiten sind oft historisch gewachsen und tief in der Enterprise-Architektur verwurzelt.
Die ipt Perspektive: Im Rahmen der Technologischen Souveränität (Dimension 2 unseres Kompass-Modells) plädieren wir für «Beweglichkeit durch Architektur». Das Ziel ist nicht, alles selbst zu entwickeln, sondern architektonische Leitplanken zu setzen. Durch den konsequenten Einsatz offener Standards (z.B. im Identity Management oder offene Datenformate) und Open-Source-Technologien (z.B. Kubernetes) wird Portabilität by Design ermöglicht. Ein Vendor Lock-in kann eine legitime strategische Wahl für mehr Geschwindigkeit sein – solange die Exit-Fähigkeit durch saubere Architektur (z.B. Trennung von Applikationslogik und Daten) erhalten bleibt.
3. Ausblick: Künstliche Intelligenz und Data Governance
Bei der Frage, welches Tech-Thema die Souveränitätsdebatte in den kommenden zwei Jahren dominieren wird, zeichnete sich ein klares Bild ab: KI-Plattformen und Datenhoheit.
Wo und bei wem läuft meine KI, wo wird sie trainiert und wie kann ich meine Datenhoheit behalten?
Die Regulierung und die Instabilität aufgrund verschiedener Konflikte sowie von Vereinbarungen und Meinungsverschiedenheiten zwischen der EU und den USA.
Die Adaption von Foundation Models, KI-Services und Copiloten wirft komplexe rechtliche und architektonische Fragen auf. Die Engineers fordern Klarheit darüber, wie Daten verarbeitet und Modelle trainiert werden.
Die ipt Perspektive: Wer aus Respekt vor Datenabflüssen oder unklarer Regulierung vollständig auf den Einsatz von KI verzichtet, sieht sich rasch mit hohen Opportunitätskosten und einem Verlust an Innovationskraft konfrontiert. Das ipt Kompendium empfiehlt hier eine starke Ausprägung in den Dimensionen Datensouveränität und Governance. Entscheidend ist eine saubere Datenklassifizierung sowie ein Governance-Ansatz, der auf automatisierten Guardrails basiert. So können Entwicklerteams innerhalb sicherer, compliance-konformer Leitplanken auf modernste KI-Dienste zugreifen, ohne dass sensitive Unternehmensdaten unkontrolliert abfliessen.
Fazit: Souveränität als Gestaltungsauftrag
Die Umfrageergebnisse der Cloud Native Days 2026 unterstreichen: Die Schweizer IT-Community begegnet dem Thema digitale Souveränität mit einem hohen Mass an Realismus. Es geht nicht um die Vermeidung von Technologien, sondern um Transparenz, Interoperabilität und architektonische Weitsicht.
Wir fassen diese Haltung in einem zentralen Leitsatz zusammen: «Souverän ist nicht, wer unabhängig ist, sondern wer jederzeit die Wahl behält.»
Detaillierte Strategien, Checklisten und Architekturmuster zu diesem Thema finden Sie in unserem Kompendium Digitale Souveränität.
Noemi Haag
verantwortet bei ipt das Thema Digitale Souveränität. Sie verbindet die Perspektive von IT-Leitern mit den Erfahrungen und Einschätzungen von Engineers an der technologischen Front.

