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12.12.2025

Warum Spitäler Daten- und Integrations­plattformen brauchen

Interview mit Silvan Tschopp und Noemi Haag, ipt IT Gesundheitsexpert:innen

Noemi Haag und Silvan Tschopp, Exptert:innen bei ipt für IT in der Gesundheitsbrache, präsentieren, weshalb Daten- & Integrationsplattformen im Spital so wichtig sind.

Silvan Tschopp (STS): Ich bin Principal Consultant und Director bei ipt. Neben meiner Arbeit in Kundenprojekten verantworte ich die Weiterentwicklung unseres Branchenteams im Gesundheitswesen. Aktuell leite ich beim Bundesamt für Gesundheit ein Architekturmandat zur Erneuerung der Plattform für die Überwachung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten.

Noemi Haag (NHG): Ich treibe bei ipt als Gesundheitsexpertin in Marketing und Kommunikation die Digitalisierung, Plattformen und Künstliche Intelligenz in der Branche voran. Mein Fokus liegt darauf, die Brücke zwischen technologischem Fortschritt und den Bedürfnissen der verschiedenen Akteur:innen im Gesundheitswesen zu schlagen. Das reicht von der strategischen Kommunikation bis hin zur Vermittlung komplexer Inhalte für Entscheider:innen.

Warum ist Interoperabilität im Spitalumfeld heute so wichtig und warum reicht herkömmliche IT oft nicht aus?

NHG: Spitäler stehen aktuell unter enormem Druck, sowohl im Alltag des Betriebs als auch finanziell und strategisch. 

Wenn man sich die IT-Landschaften vieler Spitäler anschaut, sieht man schnell, dass sie über Jahre gewachsen sind: Laborsysteme, Patientendossiers, Abrechnung, Bildgebung, Dokumentation, viele davon proprietär, historisch, teilweise sogar individuell angepasst. 

Diese Systeme sprechen schlicht nicht dieselbe Sprache.

STS: Genau diese Fragmentierung ist der Grund, weshalb Interoperabilität heute ein so wichtiges Thema ist. Spitäler arbeiten zwar digital, aber nicht vernetzt. Daten liegen verteilt, isoliert oder in proprietären Formaten vor. Durch manuelles Übertragen von Informationen entstehen fehleranfällige und zeitaufwändige Medienbrüche. 

In der erwähnten Studie haben wir festgestellt,  dass Spitäler nicht zu wenig IT haben, sondern dass das Fach und IT oftmals zu wenig nahe zusammenarbeiten und die Digitalisierung noch nicht genügend als Aufgabe des Managements verankert ist. 

Die IT soll nicht reiner Dienstleistungserbringer sein, sondern digitale Transformation gestalten und dadurch Prozesse effizienter machen, mehr Zeit mit den Patient:innen ermöglichen und Doppelspurigkeiten eliminieren, ohne bei medizinischer Qualität Einbussungen zu machen. So kann ein realer Mehrwert entstehen.

NHG: Gleichzeitig verstärken externe Faktoren den Druck. Der Gesundheitsmarkt bewegt sich in Richtung mehr Ambulantisierung, Vernetzung und Standardisierung. Damit steigen die Anforderungen an Spitäler, Daten intern und extern in hoher Qualität austauschen zu können. 

Deshalb brauchen wir moderne Datenplattformen: 

  • Sie entkoppeln die Daten von den einzelnen Anwendungen,
  • brechen Silos auf und
  • ermöglichen überhaupt erst einen standardisierten Austausch. 

 

Dies sowohl innerhalb eines Spitals als auch mit Leistungserbringenden, Behörden oder Versicherungen. Eine solche Plattform schafft damit den Sprung von einer historisch gewachsenen IT zu einer zukunftsfähigen, interoperablen Infrastruktur.

Welche Vorteile ergeben sich für Spitäler aus Plattformen, auch im Hinblick auf KI und datengetriebene Innovationen?

STS: Spitäler haben vielfach sehr innovative Technologien im Einsatz. Beispielsweise gibt es in der Bildgebung schon viel Erfahrung mit der Unterstützung durch KI. 

Das Problem ist, dass übergreifende Prozesse nur dann optimiert werden können, wenn man auf der gleichen Datenbasis agieren kann. Mit einem einheitlichen Daten-Fundament – und zwar sowohl technologisch wie semantisch – legt man die Basis für alles, was moderne Medizin und moderne Spitalführung brauchen. 

Eine Datenplattform macht Daten unabhängig verfügbar. Anwendungen sind austauschbar, neue Technologien können schneller angebunden werden, und die Qualität der Daten verbessert sich massiv. Das wiederum ermöglicht ganz neue Möglichkeiten in den Bereichen Analytics, Prognosen und KI.

Viele Spitäler wollen heute bessere Ressourcenplanung, präzisere Behandlungswege, automatisierte Berichte oder KI-gestützte Entscheidungsprozesse. All das geht aber nur, wenn die Daten zusammengeführt und harmonisiert sind. Genau hier setzt eine Datenplattform an. Sie macht diese Innovationen erst realistisch und skalierbar.

NHG: Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um bessere Versorgung. Wenn Ärzt:innen, Pflegefachpersonen und Management dieselben Daten konsistent nutzen, entstehen schnellere Entscheidungen, weniger Redundanzen und weniger Fehler. 

Darum ist eine Datenplattform kein reines IT-Projekt. Es ist ein strategisches Investitionsprojekt zur Zukunftssicherung.

Gleichzeitig sind Spitäler zunehmend mit regulatorischen Anforderungen konfrontiert. Dazu gehören neue Standards, nationale Rahmenwerke, stärkere Sicherheitsanforderungen und die Erwartung, Daten extern teilen zu können. Eine moderne Datenplattform hilft, diese Anforderungen umsetzbar und langfristig beherrschbar zu machen.

Strategisch gesehen: Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Spitäler, das Thema Datenplattformen anzugehen?

NHG: Der Markt bewegt sich schneller als die IT-Landschaften der Spitäler. Wer jetzt nicht handelt, verpasst die Chance, sich für die kommenden Jahre richtig aufzustellen. Es wird nicht einfacher, es wird komplexer.

Bei den Spitälern drehen sich momentan viele Diskussionen um den Ersatz ihrer in die Jahre gekommenen KIS und ERP Systeme. Fakt ist, dass auch diese Systeme oftmals nur Teilbereiche des klinischen Alltags abdecken. 

Entsprechend bleibt der Bedarf an einem flexiblen, umfassenden Datentopf bestehen. Genau deshalb braucht es eine flexible, modulare Datenplattform, die in kleinen Schritten aufgebaut werden kann und gleichzeitig offen für zukünftige Entwicklungen bleibt. 

Es ist nicht notwendig und auch nicht realistisch, alles auf einmal zu modernisieren. Aber es ist wichtig, eine Architektur zu schaffen, die mitwächst. Eine Datenplattform ist dabei die logische Grundlage.

STS: Ein weiterer Aspekt ist, dass Spitäler mit einer modernen Datenplattform perfekt aufgestellt sind, um die kommenden Anforderungen an Interoperabilität zu adressieren. Dazu werden am besten international etablierte Standards wie FHIR oder auch openEHR eingesetzt. Während FHIR vor allem für den standardisierten Austausch geeignet ist, ist openEHR auf die langfristige, Technologie-unabhängige Persistenz von klinischen Daten ausgelegt.

Dank einer gemeinen, standardisierte Datenbasis können Initiativen lanciert werden, um den Austausch mit Partner-Organisationen zu fördern. Oder aber es ermöglicht einer Institution, sich richtig aufzustellen, um sich in Zukunft dem Swiss Health Data Space (SwissHDS), dem visionären Ziel des DigiSanté Programms, anzuschliessen.

Fazit zu Plattformen in Spitälern

Die Erkenntnisse aus unserer Studie zeigen klar, dass viele Spitäler zwar ambitionierte Digitalstrategien haben, aber in der Umsetzung durch fehlende Datenintegration gebremst werden. Und das ist genau der Punkt: Man kann keine KI-Initiative, keine Prozessautomatisierung und keine externe Vernetzung ernsthaft vorantreiben, solange die Datenbasis fehlt. 

Wer heute in eine Datenplattform investiert, spart sich morgen viele Frustrationen und Fehlstarts. Eine moderne Datenplattform ist für das Gesundheitswesen nicht nur ein technisches Upgrade, sondern ein Fundament für die Zukunft:

  • Sie ermöglicht echte Interoperabilität, intern und extern.
  • Sie schafft die Basis für Datenqualität, Analytics und KI.
  • Sie unterstützt Spitäler darin, regulatorische Anforderungen zu erfüllen.
  • Sie verbessert Prozesse, Effizienz und Versorgung.
  • Und sie macht Spitäler widerstandsfähiger, flexibler und innovativer.

 

Die Frage ist nicht, ob Spitäler eine Datenplattform brauchen – sondern wie lange sie es sich leisten können, ohne eine solche zu arbeiten.

Über Silvan Tschopp

Ich bin Principal Consultant bei ipt und leite das Branchenteam Gesundheitswesen. Aktuell leite ich ein Architekturmandat beim BAG zur Erneuerung der Plattform für übertragbare Krankheiten.

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Über Noemi Haag

Als ipt Gesundheitsexpertin in Marketing und Kommunikation fördere ich Digitalisierung, Plattformen und KI in der Branche. Ich schlage die Brücke zwischen Tech-Fortschritt und den Bedürfnissen der Akteur:innen.

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